Der Hamburger | Ausgabe Herbst 2010 | Seite 73

( Zum Herunterladen des Beitrags in Form einer PDF-Datei klicken Sie bitte auf das Bild, oder hier )

Hamburger, die den Ton angeben Eduard Schwen – Seelsorger und Hüter des Geigenbauwissens
Sich zu verlieben ist aus der Sicht des Biologen eine chemische Überreizung
im Hirn, die neurotische Usancen nach sich zieht, vergleichbar mit der
Wirkung von Rauschgift oder fünfzehn Liter Trinkschokolade. Wenn ein Geiger oder Cellist sich in ein
Instrument verliebt, hält dieser Reiz dabei deutlich länger an; das Gefühl
vertieft sich, wird zur Liebe, zu einer Beziehung. Gerät in menschlichen
Beziehungen etwas in Schieflage, geht man zum Therapeuten. Der Streicher,
der meint, seine Geliebte verstehe ihn nicht mehr, schreie bei kleinsten
Stress-Situationen gleich rum, stehe gar vorm Saitensprung, geht zu
Eduard Schwen in den Valentinskamp; in eines der leicht vorgebeugten
Gängeviertelhäuser, die den Großen Brand überstanden haben, und drückt
hoffnungsvoll die Messingklingel zur Werkstatt. Der Geigenbaumeister mit
den hellen Augen, die selten zwinkern, wird mehr mit Intuition als mit dem
Verstand verstehen, was genau ein Cellist, eine Geigerin, ein Bassist damit
meint, wenn sie sagen: »Es klingt so wolkig! Sie krächzt! Er ist übersensibel!
Dornröschen hat den Kopf verloren! Kann man da was machen?«
Schwen kann. Auch gern kurzfristig, wenn ein Musiker vor dem Auftritt
in der Laeiszhalle hereinweht und Bogen oder Steg in die Notaufnahme
müssen. Schwen kennt die Usancen der Verliebten, und bietet neben
Neubau, Handel, Vermietung und Expertisen, auch Restaurierung und
Klangeinrichtung, die »Optimierung für die individuelle Spielweise«, an.
Eben genau die »Beziehungsarbeit«, die mehr mit Empathie als mit Handwerk
allein zu tun hat. Auch wenn er persönlich überzeugt ist, Geigen
hätten keine Seele – die hätte er sonst sicher schon gefunden, irgendwann in
den letzten 34 Jahren, in denen er sich mit Streichinstrumenten und ihrem
Innenleben beschäftigt. Seit dem 1.1.2009 ist der 45-jährige Pfälzer nun
Inhaber der Geigenbaumeisterwerkstatt Georg Winterling (gegr. 1890),
der ältesten der fünfzehn Hamburger Streichinstrumentenbauer. Sie gehört
in Europa zu den renommiertesten Adressen, an die sich schon Yehudi
Menuhin, Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman,
die japanische Meistergeigerin Midori, Tabea Zimmermann oder
jüngst »Bratschenboy« David Aaron Carpenter gewandt haben – den letzteren
hat Schwen unter anderem davor bewahrt, eine für 800.000 Dollar
angebotene Fälschung des Stradivari-Lehrers Amati zu kaufen. Fälschungen
zu erkennen, hat wiederum wenig mit
Einfühlung zu tun. Sondern mit Wissen. Sehr viel Wissen – und da macht
Eduard Schwen seinem Vor- und Familiennamen
alle Ehre: Beide bedeuten: »Hüter«. Der Hüter des Geigenbauwissens,
der in seiner raren Freizeit Cello im Arcademia-Orchester spielt, sich mit Tai Chi erdet oder nach Stuttgart
zu seiner Lebensgefährtin (einer Violinistin)
fährt, sieht einem Instrument sogar auf einem iPhone-Foto an, nach
welcher Schule – Füssener? Cremona? oder doch im «musicon valley«, dem
Vogtland? – es gebaut wurde. Welchen
Lehrer und welches Ideal der Erbauer hatte, dem er nacheiferte: Stradivari,
Gofriller, Montagnana, Stainer? Das Holz, f-Löcher, Leimsorte, Schnecke,
die Art, wie der Lack aufgetragen wurde und die Stellen, an denen er abgerieben ist: all das erzählt ihm die
Biografie des Instrumentes. Und was es wert ist – manchmal macht das weniger die Qualität des Instruments als
seine geschichtliche Bedeutung aus. »Der Preis ist keine Garantie für besseres
Klingen. Eine Stradivari für drei Millionen Euro muss objektiv nicht
besser sein als eine Jacobus-Stainer für
300.000 – ein Musiker fühlt sich mit ihr nur vielleicht besser.« Letztlich ist
es die menage à trois aus Instrument, Musiker und Bogen, die sich finden
muss. Überhaupt, der Bogen – er ist die Geige, davon war schon Giovanni Viotti, Violin-Virtuose des 18. Jahrhunderts,
überzeugt. Auch deswegen geht bei Luthier Schwen ständig die
Messingklingel: Etwa 200 Instrumente, aber 300 Bögen hat er auf
Lager, auch einige, die in der Tradition der »Tourte«-Bögen (den Stradivaris
unter den »Streichprügeln«) gebaut wurden. Der große Norweger in Motorradkluft
ist allerdings gekommen, um sich ganz neu zu verlieben. Er hat
gerade ein Blind-Date mit einem Bass. Die satten Klänge, die er dem Korpus
entlockt, bleiben nicht lange ohne Wirkung. Sein Blick färbt sich rosarot.
Als er nach dem Preis des Edelstücks tastet – »Eighteen thousand?!« – »No,
eighty thousand« – flackert das Rosa. Sich zu verlieben in einen, den man nicht haben kann,
ist der süßeste Schmerz von allen.

Mit freundlicher Genemigung von: Der Hamburger
Peter Felske Tel.: 040 / 30 99 879-0 Fax: 040 / 30 99 879-69
http://www.derhamburger.info

Autorin des Textes: Nina George

Foto: Frank Siemers Laufgraben 37 / 20146 Hamburg